Die dunklen Orte in uns

Du sollst nicht lügen. Das 9. Gebot. Selbst wer sonst nichts mit dem christlichen Glauben zu tun hat, hat zumindest eine grobe Ahnung, dass das in der Bibel stehen könnte. Für mich war das immer eines der „leichteren“ Gebote. Nicht, dass ich immer schaffe, es zu halten, aber eine schön klare Ansage. Damit kann ich arbeiten! Oder doch nicht?

Gott ist ein Gott der Wahrheit (Joh. 1,14), der Geist der Wahrheit lebt in uns (Joh. 14,17) und wir selbst sind aufgefordert, die Wahrheit zu suchen (Spr. 23,23). Klar, dass wir nicht lügen sollen, oder?

Aber kann es sein, dass wir Wahrheit oft auf das Oberflächliche reduzieren? Wir sprechen davon wahrhaftig zu sein, geben uns die beste Mühe, nicht zu lügen. Wenn es gut läuft, sind wir sogar so weit, dass wir Maske um Maske abnehmen und der Welt jeden Tag ein kleines bisschen mehr unser wahres Ich zeigen. Aber wie sieht es mit uns selbst aus? Sind wir ehrlich zu uns selbst? Oder kann es sein, dass unsere Wahrheit hier oft aufhört?

Ehrlich zu uns selbst zu sein, ist noch schwerer, als ehrlich zu unseren Mitmenschen zu sein. Wenn wir unseren Mitmenschen gegenüber ehrlich sind, beeinflusst das, wie sie uns sehen: mit unseren Ecken und Kanten. Es beeinflusst ihr Bild von uns. Vielleicht bekommt es an der einen oder anderen Stelle eine Macke. Aber wir haben gelernt, dass unser Wert nicht davon abhängt, was der Andere von uns denkt.

Aber wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, beeinflusst es das Bild, das WIR von uns selbst haben. Und dafür sind wir oft nicht bereit. Zu wem sollen wir denn noch, wenn wir uns selbst nicht mehr leiden können?

  • Wenn ich mir eingestehe, dass ich einem Traum hinterher jage, der einfach nicht für mich gemacht ist,
  • Wenn ich mir eingestehe, dass ich Gefühle für jemanden habe, der sie einfach nicht erwidert,
  • Wenn ich mir eingestehe, dass ich nicht so perfekt bin, wie ich es gerne wäre und ich die Gnade Gottes bitternötig habe,
  • Wenn ich mir eingestehe, dass ich ein Problem mit Selbstbefriedigung habe und alleine da nicht mehr raus komme,
  • Wenn ich mir eingestehe, dass ich mir die ganze Zeit selbst etwas vorgemacht habe…

Diese Eingeständnisse bringen uns an dunkle Orte. Oft sind es Orte, an denen wir uns selbst mit Abscheu und Missbilligung begegnen. Wir sehen in die dunklen Ecken unserer selbst und hassen es, dass diese Dinge ein Teil von uns sind, dass sie das Bild, das wir von uns haben, verschmutzen und entlarven.

Aber so schwer es auch ist, genauso heilsam ist es auch diese dunklen Orte aufzusuchen – vorausgesetzt, wir bringen das Licht mit, das diese Orte erhellen kann.

Jesus sagte zu den Leuten: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, braucht nicht im Dunkeln umherzuirren, denn er wird das Licht haben, das zum Leben führt.« ~Johannes 8,12

Wenn wir mit Jesus diese dunklen Orte besuchen, dann sind wir nicht hilflos, dann müssen wir nicht überfordert sein, dann müssen wir uns nicht selbst verabscheuen, für die Abgründe, die sich in uns auftun. Wenn wir mit Jesus diese dunklen Orte besuchen, müssen diese Orte nicht länger im Dunkeln verborgen bleiben, sondern er kann sie mit uns ans Licht bringen. Ob er mit dir alleine daran arbeitet, oder ob es wichtig ist, noch mehr Licht einzulassen, indem wir uns jemandem anvertrauen, ist unterschiedlich, aber wir müssen diesen Dingen ins Gesicht sehen, wenn wir nicht wollen, dass sie uns länger beherrschen.

Lasst uns den Mut haben, ehrlich mit uns selbst zu sein, uns so anzusehen, wie wir sind: verletzt, sündig und hilfsbedürftig. Lasst uns den Mut haben, an die dunkelsten Orte in uns zu gehen – und sie liebevoll mit Jesus an unserer Seite zu renovieren. Mit Jesus an unserer Seite müssen wir diese Orte nicht mehr fürchten, denn es gibt für uns keine Verurteilung mehr (Röm 8,1). Für alles, was in diesen dunklen Ecken auftaucht, hat er bereits am Kreuz bezahlt – darum lasst es uns ausräumen!

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